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Tausend und ein Argument für fleischfreie Mitbewohner »Vegetarische Hunde- und Kathenernährung« von J. A. Peden James A. Peden, ein amerikanischer Guru der veganen Hunde- und Katzenernährung und erfolgreicher Hersteller veganer Futterzusätze, hat ein Buch geschrieben. Das Werk über Hintergründe und Praxis dessen, was ungezählte Tierfreunde beschäftigt, ist im Echo Verlag erschienen.
Auf insgesamt 240 Seiten widmet sich das Werk der rein vegetarischen Ernährung von Hunden und Katzen. Den Schwerpunkt nehmen dabei die Katzen ein, deren physiologische Anforderungen und Geschmackssinn die größere Herausforderung darstellen. Das Buch beginnt mit der ausführlichen Lebensgeschichte einer aus freien Stücken vegetarisch lebenden Löwin. Anschließend werden kurz die ethischen, ökologischen und gesundheitlichen Beweggründe für die Beschäftigung mit der vegetarischen (und das bedeutet in diesem Buch veganen) Tierernährung angerissen. Das nächste Kapitel enthält Beispiele erfolgreicher Praxiserprobungen von Pedens Konzepten. Mehrere Dutzend Seiten behandeln für die Tiere lebenswichtige Nährstoffe, empfehlenswerte Zutaten und passende Rezepte. Tabellen über Bedarfsmengen und Inhaltsstoffe geben Orientierung und Detailinformationen. Ergänzend diskutiert Peden das Thema »jagende Haustiere«, widerlegt populäre Einwände gegen die vegetarische Haustierernährung und informiert über diverse - teils allgemeine - Aspekte der Tiergesundheit. Die Herausgeber vom Echo Verlag zeichnen für einen kurzen Anhang mit für Deutschland relevanten Themen verantwortlich. Sie schildern hier u.a. die erfolgreiche Arbeit des bei der vegetarischen Tierernährung sehr fortschrittlichen Tierheims in Siegen.
Wer schon immer geglaubt oder gehofft hat, dass eine vegane Ernährung von Haustieren irgendwie möglich sein muss, findet bei Peden ausführliche Bestätigung in Form zahlreicher konkreter Schilderungen von Einzelfällen. In einer schier endlosen Folge begeisterter Briefe von Verwendern der Pedenschen Nahrungszusätze werden Gesundheit und Lebensfreude der Schützlinge dokumentiert. Was die theoretische Begründung einer fleischfreien Tierernährung betrifft, ist Pedens wichtigstes Argument ebenso schlicht wie überzeugend (und alt bekannt): Hunde und Katzen »überleben« eine Ernährung mit kommerziellem Tierfutter. Das ist gar nicht so selbstverständlich, denn dieses Futter ist oft nicht viel mehr als eine Mischung von minderwertigen Resten der Fleisch- und Nahrungsmittelindustrie sowie von Tiermehlen aus Abdeckerbetrieben - inklusive all der beliebten Medikamente, Pflanzenschutzmittelrückstände und sonstigen Chemikalien. Weil in diesem Mischmasch nicht mehr viele Nährstoffe enthalten sind, werden Vitamine und Co von den Herstellern routinemäßig künstlich zugesetzt. Hier setzen die Vegetarier an und tauschen den ohnehin nicht besonders hilfreichen Fleischbrei durch vegetarische Grundstoffe auss.
Peden ging diesen Schritt schon früh. Er stellte selbst Nahrungsmittelzusätze für seine Tiere zusammen und hatte damit schnell auch kommerziellen Erfolg. VegeCat und VegeDog heißen seine Mischungen der für Hunde bzw. Katzen notwendigen Nährstoffe, die zusammen mit selbst gemachter Tiernahrung eine gesunde Ernährung gewährleisten sollen. Nach Pedens Aussagen erfüllen die mit seinen Rezepten zubereiteten Gerichte die von den amerikanischen Behörden herausgegebenen Nährstoffempfehlungen für Tiernahrung. Durch das Selberkochen können die Anwender vielfältige frische Zutaten verfüttern und auf Dosenfutter und Konservierungsstoffe verzichten. Viele der Erfahrungsberichte von Katzenversorgern handeln von den überraschenden Vorlieben, die ihre Tiere offenbarten, wenn sie alternative Angebote erhielten. Spinat, verschiedene Kohlsorten, Melonen und Pistazienkerne sind nur einige Beispiele für neu entdeckte Lieblingsnahrung. Das sollen laut Peden aber nur Ausnahmen sein. Seine Grundrezepte für die Hauptmahlzeiten enthalten neben VegeCat oder VegeDog primär Getreidemehle, Gluten, Hefe, Soja und Sojaprodukte, Reis und Gemüse. Das Feuchtfutter ist meist auf drei Tage Haltbarkeit ausgelegt. Trockenfutter lässt sich im Backofen zubereiten und hält dann bis zu zwei Monate.
Pedens Position beruht neben der unüberschaubaren Sammlung von Anwenderzitaten hauptsächlich auf der Schilderung der Realität der konventionellen Tiernahrungsherstellung. Folgt man dieser Argumentation, ist die Schlussfolgerung zwingend: Wenn wir verwesende Tierreste und Chemiemüll in Form konventioneller Fertignahrung an unsere Tiere füttern, können wir mit sorgfältig selbst zubereiter Nahrung nichts schlechter und vieles besser machen. Abseits von diesen Worst-Case-Szenarien kann Peden jedoch nicht überzeugen. Betrachtet man eine »hochwertige«, fleischhaltige Ernährung, gibt es durchaus treffende Argumente für den Fleischverzehr, denn der ist der natürlichen Lebensweise der Vorfahren unserer Haustiere, insbesondere der Katzen, sehr viel näher. Dem steht natürlich das Anliegen der Vegetarier und Tierrechtler entgegen, auch die Interessen der »Nutztiere« zu berücksichtigen, die meist lebenslang leiden und deren Rechte mit der Verfütterung an unsere Lieblinge vollständig negiert werden. Statt einer unbedingten Pro-Argumentation wäre also eine differenzierte ethische Abwägung zwischen teils widerstreitenden Interessen notwendig. Diese Abwägung spricht nach unserem Ermessen durchaus für die vegane Ernährung von Tieren, denn den offenbar vermeidbaren eventuellen Problemen der veganen Tierernährung steht definitives, routinemäßiges Leiden und Sterben der Nutztiere gegenüber. Warum Peden diese Diskussion nicht führt und auf ein belastbares Fundament für sein Anliegen verzichtet, bleibt unverständlich.
Der Argumentation mangelt es auch an anderen Stellen an Seriösität und Feingefühl. Das beginnt mit dem ersten Kapitel, das eine angeblich rein vegetarische Löwin vorstellt. Ihre Lebenstragödie schildert Peden ohne Abstand und mit offensichtlicher Begeisterung. Der verwunderte Leser schaut auf Fotos der armen Großkatze, die als »angenehmer Gast, sauber und ordentlich« neben ihrer »Besitzerin« im Bett liegt. Er liest Stories von Fotoshootings der Löwin mit einem einparfümierten Lamm oder eigens herangeschafften jungen Kücken. Oder von der Spazierfahrt im offenen Cadillac mit einem US-Showmaster. Und man ist fast erleichtert, wenn das arme Tier nach heldenhaften Filmaufnahmen unter »glühender Sonne« schließlich nach kurzer Krankheit den Tod findet. In schier endloser Folge werden Briefe und Interview-Äußerungen begeisterter Anwender von Pedens Futterzusätzen wiedergegeben. Doch Storysammlungen von kleinen kranken Kätzchen, Autounfällen oder gewonnenen Preisen bei Katzenzuchtausstellungen tragen - zumindest in dieser Massierung - nicht viel zum eigentlichen Thema bei. In vielen Seiten langen Interviews bekommt man schon einmal die Namen von dreizehn Katzen und drei Hunden erläutert, erfährt von einem wiedergefundenen Bell-Trieb, supertoll glänzendem Fell oder wundersam geheilter Athrithis. Wenn die Wunderwirkungen ausbleiben oder gering ausfallen, wird das auch schon mal darauf zurückgeführt, dass die armen Tiere vor der revolutionären Peden-Diät wohl zu lange Fleisch gegessen haben.
Angesichts all der begeisterten Anwenderberichte und ungezählter Wunderwirkungen hat der Rezensent immer wieder den Eindruck, sich weniger mit einem Sachbuch zur Tierernährung als mit einer Mutation aus US-Fernsehpredigt und Shopping-TV zu befassen. Diese unbedingte Pro-Argumentation erscheint bei einem solch kontroversen Thema hinderlich und verursacht nicht selten Irritationen. Als Argument gegen Fertignahrung wird beispielsweise eine mehr als 60 Jahre alte Forschungsarbeit herangezogen, die gekochter Nahrung schlechtere Resultate bei der Tierernährung bescheinigt. (Das Thema von Tierversuchen in der Veterinärmedizin sei einmal außen vor gelassen.) Wer aber für eine progressive, weil vegane Ernährung von Haustieren eintritt, sollte fairerweise nicht gut 60 Jahre Entwicklungsarbeit in der Lebensmitteltechnologie unten den Tisch fallen lassen. Dass Peden die schmutzige Wäsche der Tierfutter-Industrie wäscht, hat die Sympathie der Veganer. Nicht nett ist es aber, auch den veganen Anbieter »Evolution« und damit seinen einzigen Konkurrenten schlecht zu machen. Die Einhaltung der behördlichen Ernährungsempfehlungen durch das Konkurrenzprodukt könne er nicht nachprüfen, moniert Peden. Doch er selbst findet auf den 240 Seiten seines Buches keinen Platz für den Abdruck einer unabhängigen Laboranalyse seiner Zubereitungen. Dass Peden dann auch noch seine Katze Cuddles anführt, die das Evolution Katzenfutter angeblich verweigert, lässt den Leser fast schon schmunzeln.
In Sachen Ernährung gibt es bei einigen von Pedens Kunden eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit, die Desive lautet offenbar »Learning by doing«. Da ernährt eine Frau ihre Katzen so lange ohne Nahrungszusätze vegan, bis sie vollständig blind werden, eine andere Katze prallt ständig gegen Möbel und kann nach Gabe von VegeCat zumindest wieder etwas sehen. Völlig verblüffend: Peden erzählt, wie er selbst »aus Neugier« seinem Hund einen hochgiftigen Pilz vorsetzte und das arme Tier nach dem Verzehr mit einer persönlichen »Notfallbehandlung« heldenhaft vor dem Tod bewahrte.
Interessant wären eher Fakten über objektive Anwendungserfahrungen gewesen. Wie viele Tiere werden mit seinem Produkten in Verbindung mit welchen Zutaten und unter welchen Randbedingungen gefüttert? Wurden typische Praxiszubereitungen erhoben und auf ihren Nährstoffgehalt geprüft? Gibt es qualifizierte Aussagen von Tierärzten über den Gesundheitsszustand oder sogar eine systematische Untersuchung der Tiere? An praktischer und finanzieller Hilfe für solche Erfassungen hätte es angesichts Pedens begeisterten Kundenkreises wohl nicht gefehlt. Besonders schade ist, dass damit konkrete Möglichkeiten wissenschaftlicher Analyse verschenkt werden. Wenn schon im Interesse einer ethisch besseren Ernährung neue Wege ausprobiert und damit Risiken eingegangen werden, sollten die Erfahrungen wenigstens so sorgfältig und umfangreich wie möglich dokumentiert und in neue Erkenntnisse verwandelt werden. In der Medizinethik für Menschen wäre das eine Selbstverständlichkeit, und wir Tierrechtler sollten dies den Tieren nicht vorenthalten. Eine differenzierte theoretische Diskussion hätte ebenfalls nicht geschadet. Die Ernährung des Organismus eines Säugetieres ist komplex und eine Beschäftigung mit ihr sollte über die einfache Zusammenstellung von Nährstoffen hinausgehen. Auch wenn sich rechnerisch die richtigen Inhaltsstoffmengen ergeben, ist keinesfalls selbstverständlich, dass künstliche Zusammensetzungen von Vitaminen, Mineralien und anderen wichtigen Komponenten alle Erfordernisse abdecken und dass sie überhaupt die gleiche Wirkung haben wie natürlich vorkommende Kombinationen. Werden sie tatsächlich ähnlich absorbiert, können sie sich in der Nährmischung oder nach der Verarbeitung gegenseitig beeinflussen? Dass sich die Tierfutterindustrie um solche Feinheiten vermutlich nicht immer kümmert, darf für Peden keine Entschuldigung sein, will er doch alles besser machen als die »bösen« konventionellen Hersteller. Zusammenfassend muss man sagen, dass für eine (ohnehin nicht geführte) differenzierte Betrachtung der veganen Tierernährung sowohl die theoretischen als auch die empirischen Grundlagen fehlen.
Trotz der Mängel wäre es schade, Pedens Buch unbeachtet zu lassen. Zunächst einmal dokumentiert es anschaulich und eindringlich anhand vieler Einzelfälle die Perversionen der modernen Tiernahrungsindustrie und regt an, sich einmal mit den hässlichen Hintergründen der »praktischen« Fertigprodukte zu beschäftigen. Die betreffen nicht nur das Schicksal der »Nutztiere«, sondern auch die Gesundheit der eigenen tierischen Mitbewohner. Selbst wer der Argumentationsführung nicht immer zustimmt, wird zu vielen Aspekten des Themas eine veränderte Perspektive finden. Die in ihrer Geschwätzigkeit so ärgerlichen Anwenderzitate bieten zumindest Ersatz für den persönlichen Austausch mit vor Ort meist nicht greifbaren anderen veganen Haustierköchen. Wer von seiner Umgebung ob der Bemühung um eine gesunde und ethische Tierernährung oft für verrückt erklärt wird, findet hier Bestätigung. Und grundsätzliche Zweifel werden durch die vielen und augenscheinlich gesunden »Überlebenden« der veganen Ernährungsweise verringert. Informativ sind die umfangreiche Detaildiskussionen vieler einzelner Aspekte der Tierernährung, die oft auch praktische Tipps bieten. Allerdings scheinen sie aufgrund ihres teilweise recht speziellen Charakters in einem Buch über die vegetarische Ernährung nicht zwingend notwendig zu sein. Und inspirierend sind schließlich die alternativen Ernährungsideen, die konkrete Anstöße für die Abkehr vom einfachen Dosenöffnen hin zu einem kreativeren Vorgehen bei der Tierernährung bieten.
Eine stichhaltige Argumentation für die fleischfreie Haustierernährung ist nicht gelungen. In einem Wust von Stories und Zitaten geht die Übersichtlichkeit verloren und es mangelt an medizinischen Fakten und Sachargumenten. Der Eindruck einer produktwerbenden Ausrichtung überwiegt. Auf der Habenseite verbuchen Peden und der Echo Verlag, dass erstmals umfangreiche Erfahrungsberichte zur veganen Haustierernährung in deutscher Sprache veröffentlicht wurden. Eine Sammlung erprobter Grundrezepte ist Basis für die praktische Anwendung von Pedens Produkten, und Vorschläge zu allerlei veganen Snacks inspirieren zu einer weniger eintönigen Ernährung von Hund und Katz.
Matthias Boller
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