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Re: Fleisch/Aas
geschrieben von: Solaris (IP gespeichert)
Datum: 09.09.09 18:58
Entschuldigung, das hat zwar nicht mehr so viel mit dem Thema "Tiere in der Sprache" zu tun, aber die Diskussion hat sich so entwickelt.
regenschein schrieb: ------------------------------------------------------- > So ähnlich dachte ich es mir auch. Aber wirklich > spannend finde ich: Wenn ein Tier *nicht von einem > Menschen getötet wurde, aber ein Mensch es essen > möchte - was dann? Macht der Wunsch des Essens den > Kadaver dann zum Fleisch? Oder bleibt der Kadaver > Kadaver, und was passiert dann mit dem Menschen? > Ist es ein Tabu, einen Kadaver zu essen? Verlässt > dieser Mensch dadurch den Bereich der > Zivilisation/Kultur und wird zum Aasfresser? Also > aus kulturanthropologischer Sicht, meine ich. Und > was bezweckt eine Gesellschaft mit dieser > Unterscheidung? Ich würde eher sagen, es wird nicht zum Fleisch, sondern bleibt Aas. Gewissermassen würde der Mensch aus zumindest einem Kontext der Zivilisation/Kultur austreten, weil alles, was mit Gewalt/Tod verbunden ist, auch Regeln unterzogen ist. Ich meine, man kann immer einen teilweise verdorbenen Apfel essen, ohne dass das kulturtechnisch oder sonst irgendwie problematisch ist. Beim Thema Fleisch gibt es aber Gebote/Verbote und Regeln darüber, genau wann das Fleisch "rein" und dadurch konsumierbar ist. Und das Fleisch eines Tieres, das nicht von einem Menschen ermordet worden ist, ist von vornherein "unrein", also Aas/Kadaver, sogar wenn es noch nicht verdorben ist. Ich glaube, die Gesellschaft braucht solche Unterscheidungen/Regeln, um halt eine eigene Ordnung herzustellen und ihre Grenzen zu bestimmen. Wobei ja Mary Douglas ("Purity and Danger") meinte, rein-unrein wäre überhaupt die wichtigste Unterscheidung innerhalb einer Kultur. Aas Fressen ist zumindest hier und jetzt definitiv ein Tabu. In unserer Kultur ist ein nicht von einem Menschen ermordetes Tier unter anderem auch deshalb "unrein", weil es nicht entblutet worden ist und nach dem eigentlichen Tod nicht mehr richtig entblutet werden kann. Die Frau Vialles meint, dass genau die Entblutung der wichtigste Augenblick ist, in dem das Tier im modernen Schlachthof zum Fleisch wird. Das Buch ist zwar kurz und kein Mensch kennt es, ist aber ganz interessant. Sie hat die Architektur des Schlachthofs genau so untersucht wie Michel Foucault das Gefängnis, wenn Du das Buch kennst, und festgestellt, jeder Schlachhof hat einen "schmutzigen" Bereich vorne, wo die Tiere reinkommen, und einen "sauberen" hinten, wo sich die Kühlräume befinen und das Fleisch rauskommt. Wenn das Tier reinkommt, ist es immer noch ein Tier. Dann kommt ein Zwischenstadium ("Carcass"), in dem es nicht mehr ganz Tier, aber noch nicht ganz Fleisch ist, der damit anfängt, dass sich alle vier Beine in der Luft befinden, eine sonst unmögliche und unnatürliche Position für ein Tier. Dann wird es entblutet und wenn das Blut vergossen ist, kann es enthäutet und zerteilt werden und da endet der "schmutzige" Bereich. Wenn es schon entblutet ist, kann es also verarbeitet werden in den "sauberen" Bereich eintreten, wo es kein Tier mehr ist, sondern Fleisch. Das Interessannteste war für mich die Tatsache, dass die eigentliche Tötung im Schlachthof so organisiert ist, dass das Tier einerseits von Menschnehand stirbt, während andererseits keinem der Beteiligten vorgeworfen werden könnte, das Tier getötet zu haben. Derjenige, der es betäubt, "betäubt" es halt nur, und derjenige, der es entblutet, schneidet einem Tier die Kehle durch, das nicht mehr ganz lebendig ist, so dass der eigentliche Täter und der genaue Zeitpunkt des Todes unbestimmt bleiben. Es gibt aber natürlich auch Unterscheidungen zwischen Rotfleisch und Geflügel/Fisch, Fleisch von "Nutz"-und "Jadgtieren" und zwischen Fleisch von Pflanzenfressern und Fleischfressern, aber die hat Nick Fiddes untersucht. > Studierst du Kunstgeschichte? Bachelorarbeiten > werden ja nicht veröffentlicht (oder?), sonst > würde ich das gern mal lesen. Auch, weil dein > Vorgehen wahrscheinlich anders ist als das, das > ich kenne. Bislang konnte ich in meinen Arbeiten > den kulturellen Hintergrund eines Werkes kaum > berücksichtigen - es wird ein Netz mit > vergleichbaren Werken geknüpft, aber selten in die > Geistesgeschichte eingebettet (naja, das wäre im > Rahmen einer Hausarbeit wohl auch kaum zu > leisten...) Danke Für Dein Interesse an meine Bachelorarbeit! Sie werden zwar nicht veröffentlicht, aber ich kann sie Dir per Mail schicken, wenn sie fertig ist (Anfang November). Den kulturellen Hintergrund einzubetten ist an anderen Fächer wie die Germanistik Standard, aber Du hast Recht, an der Kunstgeschichte ist das im Prinzip noch nicht ganz angekommen. Er lässt sich eigentlich ganz leicht einbetten: Man schreibt darüber den ersten Kapitel im Hauptteil der Hausarbeit und/oder bettet ihn in die Interpretation ein. Ich bin mit unserem Institut (Uni Halle) sehr zufrieden, wir hatten auch in Kunstgeschichte schon Seminare, bei denen 1/3 der Referatsthemen nur über den kulturellen Hintergrund waren und die übrigen 2/3 über die Künstler und Werke, und die Dozenten sind auch sehr liberal. |
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