Definitionsfrage: Was ist »vegan«?

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Arten des veganen Lebens

Vegan sein hat für jeden eine andere Bedeutung. Das kleinste gemeinsames Grundmotiv ist die Vermeidung tierischer Nahrungsmittel wie Fleisch, Fisch, Milch, Eier und Honig. Viele Veganer lehnen auch andere Produkte ab, bei deren Gewinnung Tiere leiden müssen – z. B. Kleidung aus  Wolle oder Seide sowie Leder.

Gründe für eine vegane Lebensweise

Das häufigste Argument ist ethischer Natur. Tiere unterscheiden sich in vielen ethisch relevanten Eigenschaften nicht von Menschen. Daher sollten sie gleiche ethische Berücksichtigung erfahren. Dort, wo sich die Interessen von Menschen und Tieren ähneln, sollten gleiche Schutzmechanismen wirksam werden – z. B. bei der Vermeidung von Leiden und Schmerze.
Die Betrachtung der Landwirtschaft und der industriellen Massentierhaltung zeigt, dass die kommerzielle Nutzung und Züchtung – von Tieren egal ob auf konventionelle oder »ökologische« Weise – immer Einschränkungen ihrer Freiheit mit sich bringt und ein ihrer Art gerechtes Lebens nicht möglich ist. Da wir als Menschen problemlos auf tierische Produkte verzichten können, erscheint es nicht gerechtfertigt, Tiere leiden zu lassen.

Auch eine konstruktive Einstellung gegenüber Menschen führt zum veganen Leben: Der Konsum tierischer Produkte ist im Vergleich zur direkten Ernährung mit pflanzlichen Lebensmitteln mit einem erheblichen Effizienzverlust verbunden. Um Nahrungsmittel tierischen Ursprungs zu erzeugen, ist ein Vielfaches der Menge pflanzlicher Nahrung notwendig, die beim direkten Verzehr erforderlich wäre. Mit der heutigen Produktion an pflanzlichen Lebensmitteln könnte man – wenn man auf den Umweg über »Nutztiere« verzichten würde – weit mehr als die  Weltbevölkerung ernähren und somit den Hunger eliminieren. Der Kampf um die geringer werdenden natürlichen Ressourcen, der sich zuerst in steigenden Preisen und in vielen Regionen in der schlichten Nichtverfügbarkeit von Lebensmitteln zeigt, würde sich deutlich entspannen.

In Verbindung damit stehen auch ökologische Fragen. Die intensive Futtermittelproduktion erfordert einen hohen Energieeinsatz, große Mengen an Pflanzenschutzmitteln und belegt riesige Landflächen. Gebiete, die heute zum Anbau von Futtermitteln verwendet werden, könnten bei einem Übergang zur veganen Lebensweise an die Natur und damit auch an die freilebenden Tiere zurückgegeben werden.

Auch  gesundheitliche Gründe gibt es zahlreich, Mit einer rein pflanzlichen Ernährung kann man Nahrungsbestandteile vermeiden, die für die heutigen Zivilisationskrankheiten ursächlich sind. Veganer haben ein statistisch geringeres Körpergewicht und einen niedrigeren Cholesterinspiel und können vermutlich von einem besseren Schutz vor einigen Krebsarten und Herzkrankheiten profitieren. Bei älteren Veganern scheint auch das Risiko, an Osteoporose zu erkranken, geringer zu sein als bei Allesessern.

Auch aus religiösen Gründen kann man ganz oder zeitweise vegan werden. Beispiele sin die koptischen Christen, die sich für etwa sechs Wochen im Jahr vegan ernähren, vieele Hindus sowie in Perfektion die Jain. Viele der Zen-Tempel in Japan dulden keine tierischen Produkte in ihren Einrichtungen.

Kann man wirklich vegan leben?

Fast jeder Aspekt unseres Lebens schränkt die Interessen von Tieren ein – z. B. die Wohn- und Industriebebauung, der Verkehr, die Freizeitgestaltung in der Natur. Auch zur Herstellung pflanzlicher Produkte wird oftmals Dünger tierischen Ursprungs verwendet, es werden »Schädlinge« und Nahrungskonkurrenten bekämpft und natürlicher Lebensraum vernichtet. In Produktionsprozessen von Nahrungsmitteln, die selbst keine Tierprodukte enthalten, können solche Substanzen zum Einsatz kommen.

Eine Lebensweise, die tatsächlich keinerlei Tiere beeinträchtigt, erscheint daher kaum möglich. Viele Veganer verfolgen – wenn auch manchmal eher unbewusst – eine Lebensweise unter dem Motto »Vermeiden des Vermeidbaren«: Schon mit alltäglichen Entscheidungen lässt sich ein Großteil des Leidens umgehen, das ein »Normalkonsument« den Tieren zufügt. Mit etwas mehr Aufwand kann man zudem nennenswerte Anteile versteckter tierischer Produkte vermeiden, indem man z.B. bei sehr häufig verzehrten Lebensmitteln ab und zu den Hersteller befragt.

Vegane Perfektion jedoch würde zumindest die Entkopplung von unserer heutigen Gesellschaft bedeuten, wenn sie nicht ganz unmöglich ist. Wir empfehlen, die nach den eigenen Maßstäben bestmögliche Wahl zu treffen. Wie weit die Anstrengungen zur Vermeidung tierischer Substanzen gehen, ist sehr unterschiedlich. Der weit überwiegende Teil der Veganern liest die Zutatendeklaration und fragt höchstens im Zweifelsfall einmal beim Hersteller nach. Besonders motivierte Menschen erwerben nur Artikel, deren vollständige Inhaltsstoffe sie kennen und die auch während ihrer Herstellung und Gewinnung keine tierischen Substanzen erfordern. Diese verschiedenen Erwartungen an vegane Produkte haben wir von vegan.de mit verschiedenen Stufen unserer Kriterien für vegane Produkte aufgegriffen.

Die Frage, inwieweit der vegane Lebensstil auch im Bereich sozialer Interaktion durchgesetzt werden kann, ist sicher besonders schwierig. Während man im Restaurant oder Imbiss bereits mit einer gewissen Selbstverständlichkeit vegane Gerichte bestellen oder existierende Angebote vegan »umbauen« kann, ist auf Parties oder bei der Einladung der Großtante auf einen liebevoll hergestellten Kuchen die Abwägung oft schwierig.

Fazit und Empfehlung

Unser Rat nach in der Summe vielen Jahrzehnten veganer Ernährung: Bereits mit der Vermeidung offensichtlich mit Tierprodukten hergestellter Waren lässt sich der Großteil des vom Normalverbraucher verursachten Tierleides vermeiden. Weitergehende Anstrengungen sind immer willkommen und hilfreich. Doch es ist auch wichtig, in der heutigen Gesellschaft ein gutes, ausgeglichenes und sozial eingebundenes Leben zu führen.

Ein glückliches veganes Leben ist eine großartige Werbung und kann viele Menschen überzeugen – trotz oder gerade wegen ein bisschen Pragmatismus dort, wo es notwendig erscheint.

Erstellt 1995 – aktualisiert 2016
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